Die Projekte zu Tierschutz und Tiergesundheit liefern wissenschaftliche Grundlagen für Massnahmen im Aufgabenbereich des BLV. Sie verbinden Forschung, Innovation und Praxis, stärken das Tierwohl und entwickeln Lösungen für künftige Herausforderungen.
Besser gerüstet gegen die Afrikanische Schweinepest (ASP)
Die Afrikanische Schweinepest (ASP) ist eine hochansteckende, meist tödlich verlaufende Tierseuche bei Haus- und Wildschweinen. Seit 2007 breitet sie sich weltweit aus. Es ist sehr wahrscheinlich, dass sie auch die Schweiz erreichen wird. Bis heute gibt es weder eine wirksame Behandlung noch einen Impfstoff gegen die ASP. Mit seiner Ressortforschung schafft das BLV Grundlagen für die Entwicklung eines Impfstoffes und für ein besseres Verständnis der Übertragung und der Ausbreitung der ASP.
Wildschweine sind Wirte des ASP-Virus und können dieses weitergeben. Werden sie durch menschliche Aktivitäten gestört, vergrössern sie ihren Aktionsradius und verbreiten das Virus über weitere Distanzen. Forschende untersuchten, wie Forst- und Freizeitaktivitäten das Verhalten von Wildschweinen beeinflussen.
Um zu verstehen, wie sich menschliche Aktivitäten im Wald auf Wildschweine auswirken, wurden Tiere mit Sendern ausgestattet. Gleichzeitig erfassten Forschende, was Menschen im Wald tun – etwa spazieren, joggen, Pilze sammeln, jagen oder Holz fällen. Die Ergebnisse zeigen:
Hunde, die abseits der Wege streunen, lösen die stärksten Bewegungen bei Wildschweinen aus.
Forstarbeiten führen meist zu geringeren Bewegungen als Freizeitaktivitäten abseits von Wegen, etwa Pilzsammeln. Die stärksten Störungen verursacht die Jagd.
Bei Störungen vergrössert sich das von Wildschweinen genutzte Gebiet um das Zwei- bis Fünffache, während der Jagd sogar um das Drei- bis Zehnfache.
Je nach Zugänglichkeit und Qualität der Ruheplätze reagieren Wildschweine mit Flucht- oder Versteckverhalten. Daraus ergibt sich die Hypothese: Gut geschützte und begrenzte Ruheplätze reduzieren Fluchtbewegungen.
Störungen erhöhen die Anzahl genutzter Ruheplätze.
Die meisten Tiere bleiben im Umkreis von rund drei Kilometern um ihre Ruheplätze, individuelle Unterschiede sind jedoch gross.
Die gewonnenen Erkenntnisse fliessen in die Weiterentwicklung der Strategie zur Bekämpfung der ASP ein. Sie sind insbesondere relevant für Verhaltensregeln im Wald, die im Falle eines Ausbruchs von der Bevölkerung eingehalten werden sollten, und dienen der Entwicklung von Impfstoffen.
Neben dem Institut für Virologie und Immunologie IVI sind an der Forschung zu ASP beteiligt:
Die Vetsuisse-Fakultät der Universität Bern
Die Haute école du paysage, d'architecture et d'ingénierie, Genève (HEPIA)
Das Swiss Federal Research Institute Wald, Schnee and Landschaft (WSL)
Bakterien können zwischen Mensch und Tier übertragen werden. Hunde und Katzen, ihre Besitzerinnen und Besitzer sowie das Personal von Tierkliniken und Tierarztpraxen können dadurch Träger eng verwandter, multiresistenter Keime sein.
Multiresistente Keime sind gegen mehrere Antibiotika resistent und daher schwerer behandelbar. Zudem können Bakterien Resistenzgene austauschen. Dadurch besteht das Risiko, dass sich Resistenzen auf weitere gefährliche Bakterien übertragen.
In Tierkliniken und Tierarztpraxen ist gründliches Händewaschen eine zentrale Massnahme, um die Verbreitung multiresistenter Keime zu verhindern.
Um die Übertragung multiresistenter Keime und ihrer Resistenzen zu minimieren, erarbeiteten Fachleute ein umfassendes Hygienehandbuch für Tierkliniken und Tierarztpraxen.
Grundlage war die Studie «Prävalenz und Identifikation von Risikofaktoren für die Übertragung von multiresistenten Bakterien in Kleintierkliniken als Grundlage für Evidenz-basierte Infektionspräventionskonzepte». In der Folgestudie «Effekt der Implementierung von Hygienekonzepten und Handhygieneschulungen in Kleintierkliniken in der Schweiz» untersuchten die Forschenden die Wirkung der im Handbuch empfohlenen Massnahmen.
Das Handbuch enthält konkrete, evidenzbasierte Empfehlungen zur Eindämmung der Keimverbreitung. Dazu gehören:
konsequente Personalhygiene
korrekte Reinigung und Desinfektion von Räumen und Geräten
optimales Management von Operationen
Die auf dem Hygienehandbuch basierende Kampagne war insgesamt erfolgreich: In allen teilnehmenden Kliniken verbesserte sich die Handhygiene deutlich – die wichtigste Interventionsmassnahme im klinischen Umfeld. Auch fünf Monate nach Implementierung und Schulungen lag das Niveau weiterhin höher als vor der Kampagne.
Aufgrund der Ergebnisse können gesetzliche Mindestvorgaben sowie digitale Lern- und Selbstevaluationsinstrumente zur Infektionsprävention, -kontrolle und Handhygiene erarbeitet werden.
Bundesamt für Lebensmittelsicherheit und Veterinärwesen (BLV)
Vetsuisse-Fakultät
Gesellschaft Schweizer Tierärztinnen und Tierärzte
Raufutter für Mastschweine hilft gegen Magengeschwüre und Verhaltensstörungen
Raufutter verbessert die Gesundheit und das Verhalten von Mastschweinen deutlich. Ein Forschungsprojekt des BLV zeigt, dass es Magengeschwüre und Schwanzbeißen ohne Nachteile für die Haltung von Ebern reduziert.
Magengeschwüre sind bei Mastschweinen weit verbreitet. Gleichzeitig kommt es häufig zu Verhaltensstörungen wie dem gegenseitigen An- oder Abknabbern der Ringelschwänze. Ein vom BLV mitfinanziertes Forschungsprojekt zeigt, wie die zusätzliche Gabe von Raufutter der Verbesserung von Tiergesundheit und Tierwohl dient.
Im Rahmen eines Forschungsprojekts zur Verbesserung der Tiergesundheit und des Tierwohls durch Raufuttergabe an männliche Mastschweine zeigten die Forschenden, dass der Zugang zu Raufutter die Häufigkeit von Magengeschwüren senkt und damit die Gesundheit der Tiere verbessert. Gleichzeitig gehen gegenseitige Schwanzmanipulationen zurück.
Diese positiven Effekte bestätigten sich in einem Praxisversuch auf sechs Bio-Schweinemastbetrieben. Auch dort traten Magengeschwüre bei der Gabe von Raufutter seltener auf.
Zudem zeigte sich, dass die Gruppenhaltung von nicht kastrierten Ebern mit Zugang zu Raufutter keine negativen Auswirkungen auf ihr Wohlbefinden hat, obwohl Eber grundsätzlich etwas stressempfindlicher sind als kastrierte Schweine.
Mirjam Holinger, Forschungsinstitut für biologischen Landbau FiBL, im Rahmen ihrer Doktorarbeit an der ETH Zürich.
Smart Animal Health ‒ ein neues System von Tiergesundheitsindikatoren
«Smart Animal Health» ermöglicht eine effiziente Beurteilung von Tiergesundheit und Tierwohl. Dazu werden vorhandene Daten verknüpft und gezielt durch Erhebungen auf den Betrieben ergänzt.
Im Rahmen von «Smart Animal Health» haben Forschende eine Methode entwickelt, mit der sich Daten zur Tiergesundheit und zum Tierwohl effizient und zuverlässig erfassen und bewerten lassen. Bereits vorhandene Daten aus öffentlich- und privatrechtlichen Quellen werden analysiert, miteinander verknüpft und auf ihre Aussagekraft geprüft. Zusätzlich erfassen Fachpersonen bei Betriebsbesuchen Tiergesundheitsindikatoren wie Lahmheiten, Läsionen oder Verschmutzung direkt am Tier und beurteilen den dafür nötigen Erhebungsaufwand.
Abb.1: Mit «Smart Animal Health» lassen sich bereits vorhandene Daten aus öffentlich- und privatrechtlichen Quellen analysieren und verknüpfen. Für eine aussagekräftige Bewertung von Tiergesundheit und Tierwohl sind jedoch zusätzliche Tiergesundheitsindikatoren erforderlich, die direkt auf den Betrieben erhoben werden.
Die Verknüpfung dieser Daten mit Betriebsbeobachtungen ermöglicht ein umfassendes Bild der Tierhaltung. Tiergesundheit und Tierwohl lassen sich so auf Ebene einzelner Betriebe, von Betriebsgruppen und für die gesamte Nutztierpopulation bewerten. Betriebe mit Optimierungsbedarf können frühzeitig unterstützt werden.
Zielsetzung und Methode von «Smart Animal Health» erläutern Dr. Katharina Stärk (Leiterin Wissensgrundlagen BLV) und Beat Thomann (Vetsuisse-Fakultät, Universität Bern)
Vorhandene Datenquellen als Grundlage für die Bewertung von Tiergesundheit und Tierwohl
Öffentlich-rechtliche Datenquellen wie die Tierverkehrsdatenbank (TVD), das Informationssystem zu Labordaten aRes, die Datenbank zur Fleischkontrolle (FLEKO), das Agrarpolitische Informationssystem (AGIS) sowie weitere Systeme liefern wertvolle Grundlagen. Besonders Fleischkontrolldaten zeigen grosses Potenzial als Tiergesundheitsindikatoren.
Der Zugang zu privatrechtlichen Datenbanken ist hingegen eingeschränkt und nur mit Einverständnis der Tierhaltenden und Dateneigner möglich. Künftig sollen bestehende Datenquellen weiter optimiert und zusätzliche Datenquellen – etwa IS-ABV mit Angaben zum Antibiotikaverbrauch – integriert werden.
Erste Erfahrungen aus einem Forschungsprojekt mit 100 Milchviehbetrieben zum Zusammenhang zwischen Antibiotikaverbrauch, Management und Tiergesundheitsindikatoren zeigen: Daten aus der Schlachttieruntersuchung eignen sich gut zur Beurteilung von Haltungsschäden, Läsionen und Sauberkeit.
Mit «Smart Animal Health» werden die vier Teilbereiche «Tiergesundheit», «Haltung und Ernährung», «Verhalten» und «Schmerzen, Schäden und Angst» im Hinblick auf das Tierwohl gemäss Schweizer Tierschutzgesetz gemessen. Die Informationen stammen aus den drei in Abbildung 1 ersichtlichen Quellen: Öffentliche Datenbanken (blau), Privatrechtliche Datenbanken (orange) und Betriebserhebungen (grün).
Lücken in den Daten
Zwischen den Nutztierarten bestehen Unterschiede in Verfügbarkeit und Qualität der Daten. Viele relevante Informationen liegen in privaten Datenbanken. Für die Bereiche Verhalten, Schmerzen, Schäden und Angst fehlen oft Daten und müssen direkt auf Betrieben aufwändig erhoben werden. In Kombination mit bestehenden Daten sind sie aber für eine fundierte Bewertung zentral.
Eine Methode zur Einschätzung des Gesundheitszustands von Nutztieren
Die entwickelte Methode ermöglicht es, mit vorhandenen Daten und wenigen zusätzlichen Indikatoren:
den Gesundheitszustand eines Bestandes auf Betriebsebene zu beobachten, zu vergleichen und zeitliche Veränderungen
zu erkennen die Wirksamkeit von Verbesserungsmassnahmen zu beurteilen und anzupassen.
Schweine- und Milchviehbetriebe im Fokus
In der ersten Projektphase erwies sich die Datenlage bei Schweine- und Milchviehbetrieben als besonders ergiebig. Forschende untersuchten die optimale Verknüpfung dieser Daten und deren Aussagekraft. Ergänzend beurteilten qualifizierte Fachpersonen bei Betriebserhebungen sogenannte «on-farm»-Indikatoren. Dabei konnten aussagekräftige, einfach erfassbare Eisbergindikatoren identifiziert werden.
Im zweiten Projektteil lag der Fokus darauf, die Anzahl der für eine zuverlässige Bewertung notwendigen Indikatoren zu begrenzen. Dazu besuchten praktizierende Tierärztinnen, Mitarbeitende von Tiergesundheitsdiensten und Doktorierende 100 Milchvieh- und 94 Schweinebetriebe in 13 Kantonen.
Anzahl Indikatoren ermittelt
Für Milchviehbetriebe wurden 25 Indikatoren definiert. 18 davon sind bereits in offiziellen oder privaten Datenbanken verfügbar. 7 Indikatoren werden direkt auf dem Betrieb erhoben und zeigen die stärkste Aussagekraft für das Tierwohl. Für Schweinezuchtbetriebe wurden fünf allgemeine sowie weitere altersabhängige Indikatoren festgelegt.
Alarm- und Zielwerte
Mittels Expertenbefragung wurden Referenzwerte definiert für den Zielwert (kein Hinweis auf Tierwohlprobleme) und für den Alarmwert (akutes Problem mit sofortigem Handlungsbedarf).
Die Methode erlaubt es, Managementmassnahmen zu überprüfen und langfristige zu verfolgen.
Indikatorsystem für ein wirksames Tiergesundheitsmanagement
Durch die Auswahl zentraler Indikatoren und weniger Betriebsaufnahmen kann Tiergesundheit ressourcenschonend erfasst werden. Für Schweinebetriebe wurde ein praxistaugliches System mit wenigen Indikatoren pro Alterskategorie entwickelt.
Insgesamt steht damit ein System zur Verfügung, mit dem der Gesundheitszustand von Nutztieren beobachtet und Verbesserungsmassnahmen bewertet werden können.
Das Forschungsprojekt «Smart Animal Health» wurde 2018 vom BLV gemeinsam mit dem Bundesamt für Landwirtschaft (BLW) lanciert und lief bis 2021. Aufgrund der thematischen Komplexität wurde ein Folgeprojekt bis Ende 2024 durchgeführt.
Die Tötung von Futter- und Labortieren mit Kohlendioxid (CO2) wird weltweit durchgeführt. Wie stark diese Methode Tiere belastet, ist nicht abschliessend geklärt. Eine vom BLV initiierte Studie untersucht dies und sucht nach schonenderen Alternativen.
Auf der Suche nach einer schonenden Tötungsmethode
In der Schweiz werden jährlich mehrere hunderttausend Labortiere mit CO2 getötet. Als Alternative kommen andere Narkosegase infrage. Auch begleitende Massnahmen können helfen, Stress und Unwohlsein zu reduzieren.
Die Tötung mit Narkosegasen – auch mit CO2 – erfolgt durch eine Überdosierung des Gases bis zum Atemstillstand. Unklar ist, wie viel Stress, Unwohlsein oder Angst die Tiere vor dem Bewusstseinsverlust empfinden. Auch der genaue Zeitpunkt dieses Verlusts lässt sich bisher nicht bestimmen.
CO2 verursacht beim Menschen unangenehme Nebenwirkungen wie Unwohlsein, Kopfschmerzen, Schwindel oder Atemnot. Deshalb wird es beim Menschen nicht mehr eingesetzt. Bei Tieren wird es weiterhin zur Betäubung von Schlachttieren sowie zur Tötung von Futter- und Labortieren verwendet.
CO2 ist farblos und bei niedrigen Konzentrationen geruchlos, bei hohen Konzentrationen jedoch scharf oder sauer. Tiere meiden erhöhte CO2-Konzentrationen, was auch für andere Narkosegase gilt. Dies deutet darauf hin, dass Tiere die Situation als unangenehm empfinden.
Die Phase bis zur Bewusstlosigkeit geht immer mit Stress und Unwohlsein einher. Deshalb sollte der Zustand der Bewusstlosigkeit – ohne Schmerz- und Wahrnehmungsempfinden – möglichst schnell erreicht werden.
Bis Ende 2026 soll das Projekt folgende Fragen klären:
Wie stark sind Mäuse und Ratten vor dem Bewusstseinsverlust durch CO2 oder andere Narkosegase belastet und wann tritt dieser ein?
Welche Gase empfinden Mäuse und Ratten im Vergleich zu CO2 als weniger stressend?
Welche begleitenden Massnahmen reduzieren Stress und Unwohlsein vor dem Bewusstseinsverlust?
Welchen Einfluss haben Faktoren wie ein schonender Umgang mit den Tieren auf die Euthanasie?
Hitzestress entsteht, wenn ein Tier mehr Wärme aufnimmt, als es abgeben kann. Auch in gemässigten Klimazonen können steigende Temperaturen und Sonneneinstrahlung Hitzestress bei Nutztieren auslösen. Das BLV unterstützt Forschung, um Tierhaltenden Empfehlungen zur Früherkennung und Vermeidung von Hitzestress bei weidenden Milchkühen bereitzustellen.
Direkte Sonneneinstrahlung, hohe Temperaturen, fehlender Wind und die eigene Wärmeproduktion machen Milchkühe auf der Weide anfällig für Hitzestress. Dieser beeinträchtigt Gesundheit und Wohlbefinden und führt zu Leistungseinbussen. Viele Massnahmen aus der Stallhaltung lassen sich auf der Weide nicht umsetzen.
Forschende haben deshalb Verhaltensmerkmale von Milchkühen zur Früherkennung von Hitzestress in weidebasierten Systemen untersucht und wirksame Gegenmassnahmen evaluiert.
Milchkühe reagieren individuell auf Hitzestress und müssen einzeln beurteilt werden. Erste Anzeichen zeigen sich im Verhalten: Die Tiere liegen, fressen und wiederkauen weniger, halten sich häufiger bei der Tränke auf, suchen Schatten, bewegen sich weniger und stehen dichter zusammen.
Solche Veränderungen sind aufmerksam zu beobachten. Bei Bedarf sind die Tiere rechtzeitig in den Stall zu bringen.
Mehr zum Thema zeigt folgendes Video:
Grunddaten zum Forschungsprojekt «Verhaltensmerkmale zur Erkennung von beginnendem Hitzestress bei Milchkühen in weidebasierten Haltungssystemen in der Schweiz» sowie die beteiligten Institutionen finden sich auf ARAMIS: